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Leseandacht

Lesegottesdienst 21. Februar 2021 – 1. Sonntag der Passionszeit (Invokavit)

Der 1. Sonntag der Passionszeit trägt den Namen “Invokavit”. Übersetzt heißt das: "Er hat gerufen". Der Name des Sonntags bezieht sich auf Psalm 91, 15:
"Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören; ich bin bei ihm in der Not, ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen."

Verse aus Psalm 91
Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt
und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,
der spricht zu dem Herrn:
Meine Zuversicht und meine Burg,
mein Gott, auf den ich hoffe.
     Der Herr ist deine Zuversicht,
     der Höchste ist deine Zuflucht.
     Es wird dir kein Übel begegnen,
     und keine Plage wird sich deinem Hause nahen.
     Denn er hat seinen Engeln befohlen,
     dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen,
     dass sie dich auf den Händen tragen
     und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.
Gott spricht: "Er liebt mich,
darum will ich ihn erretten;
er kennt meinen Namen, darum will ich ihn schützen.
Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören;
ich bin bei ihm in der Not,
ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen.
Ich will ihn sättigen mit langem Leben
und will ihm zeigen mein Heil."

https://www.youtube.com/watch?v=bLQlCKnfqP4
Lied: Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr (EG 382)


Johannes 13, 21-30 Jesus und der Verräter
21 Als Jesus das gesagt hatte, wurde er erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. 22 Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. 23 Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb. 24 Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete. 25 Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist's? 26 Jesus antwortete: Der ist's, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. 27 Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! 28 Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte. 29 Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte. 30 Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.


Liebe Schwestern und Brüder!
Eine hochdramatische Geschichte ist es, die wir zu Beginn der Passionszeit vor Augen haben. Sie endet mit den Worten: Und es war Nacht. Denn da ist es tatsächlich Nacht - die Nacht der Ernüchterung, der Enttäuschung, des Verrats. Die Geschichte beginnt damit, das Jesus zutiefst emotional erschüttert ist . 
Es sind vor allem Gefühle der Enttäuschung, die heftigste emotionale Turbulenzen in der Seele auslösen. Enttäuschung, das heißt, ich habe mich getäuscht. Indem ich ent-täuscht werde, verlasse ich endlich den Zustand der Täuschung. Das klingt zwar klug, es schützt mich aber nicht vor den heftigen Gefühlen, die eine solche Enttäuschung in mir auslöst. Die Enttäuschung wird umso schlimmer, wenn ich mich mit meinem ganzen Lebensentwurf getäuscht habe.
Je stärker ich meine Lebens-Sicherheit auf etwas "im Außen" gegründet habe, desto größer ist auch meine Verzweiflung, wenn sich die vermeintliche Sicherheit als Täuschung herausstellt. Dann zieht es mir den Boden unter den Füßen weg.
Starke Beziehungen können sicher die eine oder andere Enttäuschung auffangen. Aber da, wo Erwartungen allzu sehr enttäuscht werden, zerbrechen am Ende auch enge Beziehungen.
Hier in dieser Geschichte zerbricht eine Beziehung, eine tiefe Freundschaft.
Allerdings wird die Geschichte nur aus der Perspektive Jesu und seiner Jünger erzählt. Was aber ist mit dem Verräter, was treibt Judas um? Seine Gefühle und Motive bleiben unerwähnt. Dabei kann ich mir gut vorstellen, wie sehr auch Judas gequält war von tiefster Enttäuschung.

Wenn ich mich mit dem Jünger Judas befasse, denke ich zurück an eine eindrucksvolle Aufführung des Musicals "Jesus Christ Superstar", die ich vor etlichen Jahren gesehen habe.  Ich habe damals diese Aufführung verlassen mit dem Gedanken, dass Judas doch eigentlich der Jünger ist, der Jesus am meisten geliebt hat und der am meisten von ihm erwartete.
Aber nun ist diese Liebe, diese übergroße Erwartung enttäuscht worden. Was hatte Judas gedacht, wer Jesus sei? Hatte er sich seinen Herrn und Meister ganz anders vorgestellt? War er ihm am Ende zu fromm, zu unentschlossen, zu wenig bereit zum Handeln? Hatte Judas am Ende vielleicht den Eindruck, dass über das Reich Gottes nun genug gepredigt worden war, aber jetzt sollten den Worten endlich auch Taten folgen?
Das ist natürlich alles Spekulation. Fest steht, dass die Beziehung des Judas zu Jesus an seiner Enttäuschung über ihn zu Bruch geht. Judas kann sich allerdings nicht im Guten trennen und einfach seiner Wege gehen. Aus seiner Enttäuschung erwächst der Hass, und der Hass macht ihm zum Verräter. Im Verrat aber bleibt er auf ewig mit Jesus verbunden. Das ist die besondere Tragik des Judas.

Die Passionsgeschichte, wie sie der Evangelist Johannes erzählt, hat ihre ganz eigene Dynamik. Wir erleben Jesus, anders als in den drei anderen Evangelien, als einen, der bei allem, was ihm widerfährt, immer das Heft in der Hand behält. Nichts trifft ihn unvorbereitet und unerwartet. So ist er schon emotional tief erschüttert, noch bevor der Verrat überhaupt geschehen ist. Jesus weiß längst Bescheid: "Einer von euch wird mich verraten." Die Benennung des Verräters geschieht im engen und vertrauten Kreis, bei der gemeinsamen Mahlzeit. Das ist an Grausamkeit fast nicht zu überbieten. Was sollte Judas denn machen, als Jesus ihm den Bissen reichte?
In diesem Moment kippt seine leidenschaftliche Anhängerschaft. "Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn."
Die Spannung dieser Situation ist kaum zu ertragen, selbst für Jesus nicht. "Was du tust, das tue bald!" Hofft Jesus darauf, dass die ganze Tragödie so wenigstens schnell vorüber ist? Auch Judas erträgt die Spannung nicht länger: "Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht."

Es ist die Nacht des Selbstverrates, in die Judas tritt. Denn er verrät sich im tiefsten Sinne ja selbst. Er verrät seine Liebes-Beziehung zu Jesus, indem er ihn ausliefert - und zwar an seinen eigenen Hass. Die Liebes-Beziehung ist zerbrochen, Judas verrät alles, woran er bis dahin geglaubt hat, was ihm wertvoll erschienen ist.
Hass macht eine Trennung im Guten unmöglich. Im Hass aber bleibt der Mensch gebunden an den anderen. Der Verrat ist deshalb sozusagen eine "Pseudo-Trennung". Im Verrat übt der Verräter Rache für das, was ihm seiner Meinung nach angetan wurde. Wobei zur Wahrheit auch gehört, dass er sich einmal aus freien Stücken auf diese Beziehung eingelassen hat, die ihn dann zutiefst enttäuscht. Lange Zeit will er sich die Enttäuschung nicht eingestehen, sondern hofft, dass der andere sich irgendwann doch noch im Sinne der eigenen Erwartungen verändert. Am Ende aber zerbricht alles.
Ja, Verrat entsteht oft aus einer Beziehung tiefster Abhängigkeit. Vielleicht hasst Judas Jesus auch dafür, dass er sich von ihm so abhängig fühlt.

Liebe Geschwister, mir geht es so, dass ich für die Person des Judas tiefes Mitleid empfinde. Der Evangelist Johannes schildert die ganze Situation gewissermaßen mit dem Untertitel: Es musste ja alles so geschehen. Aber welche Rolle spielt Judas dabei? In der Geschichte des Christentums ist er durch seinen Verrat zum bestgehassten Menschen der Bibel geworden. Sein Verrat, der Judaskuss (der übrigens bei Johannes gar nicht vorkommt), sie sind auf solch fatale Weise mit seinem Namen verbunden, dass es in Deutschland verboten ist, sein Kind Judas zu nennen. Aber hätte Judas denn überhaupt ganz anders handeln können, wenn doch alles so geschehen musste?
Der Satan fährt in ihn, so berichtet Johannes. Mit seinem Hass eröffnet Judas dem bösen Geschehen den Raum. Damit ist auch eine kosmische Dimension erreicht. Es geht hier tatsächlich um den Kampf Gott gegen Satan (Satan = der Widersacher), um den Kampf Gut gegen Böse.
Was passiert aber am Ende mit Judas? Der Evangelist Matthäus berichtet, dass ihn tiefe Reue erfasst, als er sieht, wie Jesus zum Tode verurteilt wird. Er wirft seinen Judaslohn, die dreißig Silberlinge, in den Tempel und erhängt sich. (Matth. 27, 1-10).
Die Geschichte des Verräters bleibt am Ende offen. Hat seine leider erst späte Reue doch noch Auswirkungen auf sein Verhältnis zu Jesus? Kann ein Verräter wie Judas am Ende trotz seiner Tat dennoch Vergebung erfahren? Reicht Gottes Erbarmen sogar dafür? Ich hoffe es, ich wünsche es mir... Amen.


(Wer die Möglichkeit hat, den lade ich am Sonntag, den 21.02. um 10.00 Uhr ein zu einer meditativen Zoom-Andacht "Judas und der gute Hirte").





Gebet
Barmherziger Gott, mit Erklärungen und Ausreden für unser Tun und Lassen sind wir so schnell bei der Hand. Heute fragen wir uns:
Wann habe ich zuletzt Menschen belogen oder verraten? - Stille -
Wann bin ich zuletzt mir selbst gegenüber unaufrichtig gewesen? - Stille -
Was belastet mich sonst, dass ich es in der Stille vor Gott ablegen möchte?
-Stille-
Immer wieder werden wir schuldig, an anderen, an uns selbst und an Gott.
Barmherziger Gott, vergib uns unsere Schuld und zeige uns Wege der Umkehr. Amen.

Unser Vater im Himmel...

Es segne und behüte euch der allmächtige und gnädige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Ich wünsche Ihnen/ Euch allen einen schönen und gesegneten Sonntag
Ihre/ Eure Pfarrerin Dagmar Kunellis


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